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Wanderung eines Caspar David Fortsetzung des Artikels aus: Kunstlexikon Saar, Kunst im öffentlichen Raum St. Johann, Herausgeber: Institut für aktuelle Kunst, Jo Enzweiler und Kulturdezernat der Landeshauptstadt Saarbrücken, Beigeordneter Erik Schrader; 2010Die einzige realisierte Skulptur ist die 1991 eingeweihte Installation „Wanderung eines Caspar David“ (12-teilige Skulptur, Gusseisen, geschmiedet, Höhe 4 m, Durchmesser 12 m) des französischen Bildhauers Michel Gérard. Sie fand ihren Platz auf der Freifläche in der Nähe der Kongresshalle. Gérard erwies mit seiner Arbeit für den Bürgerpark ein Verständnis von Landschaftskunst, die nicht die Wüstungen und die durch die Industrie verursachten Schäden überpflanzt und wegdekoriert, sondern sie als deren Charakteristikum betont und an die Oberfläche holt. „Ich versuche, an noch aktiven oder erst vor kurzem stillgelegten Industriestandorten einen Sinn zu erfassen, der mir eine andere Erkenntnis dieser industriellen Geschichte vermitteln könnte. Ich bin der Zeuge des Untergangs, des Endes des Industriezeitalters, der ihre Geschichte als existenzielle Erfahrung darstellt“, schrieb Gérard über seine Arbeit, der er einen Tagebucheintrag des Malers Caspar David Friedrich voranstellte: „Fördere dunkel Erahntes aus den Tiefen der Nacht ans Licht des Tages.“ Gérard interpretierte diese Worte buchstäblich und im metaphorisch- bildhaften Sinn: Einmal, indem er im Bergbau gebräuchliche Arbeitsgeräte vergrößert ans Tageslicht holte. Ein anderes Mal, indem er sie zu Metaphern für die Weltsicht des Malers machte, die dieser in seinen Gemälden ausgebreitet hatte. Bogen, Rad, Spitze und Spazierweg sind genuine Motive der Bildwelt des Malers. Damit beschritt er einen doppelten Weg, um die Geschichte des Ortes mit seinem eigenen Schöpfungsmythos, so Gérard, eng zu führen. Dafür wählte Gérard geschmiedete, nicht industriell gefertigte Gegenstände, die er an einen Ort brachte, an dem einst Kohlen, Erzeugnisse eines industriell betriebenen Bergbaus, verschifft wurden. Heute wandert der Besucher über den Ort, an dem die Ausbeute der Erde in den Kreislauf der Verwertung eintrat. Gérard hat mit der 12-teiligen Skulptur ein begehbares Bild geschaffen, in dem er an die Geschichte des Ortes erinnert. Doch das allein ist es nicht, Gérard verweist darin auch auf die Zweiwertigkeit im Umgang mit der Natur. Kosmosverehrung und Schöpfungsmythos klingen darin an wie die Erkenntnis, dass nur durch den Raubbau an ihr Entwicklung möglich wurde, ein Raubbau, der zu Lebzeiten Caspar David Friedrichs anhob und zu Lebzeiten Gérards endete. Die Rieseninstrumente Gérards resümieren diesen Zeitraum, der mit den Regenbögen, Berggipfeln und Höhenkämmen in den Gemälden Friedrichs begann und mit den auf die Erdoberfläche gewuchteten Instrumenten der Ausbeutung ihres Innern endete. Von nun an bewegen wir uns auf der Erde, nicht über oder unter ihr. Bewegung wird zum Leitmotiv unseres Handelns, um den durch die Zeit verursachten Verlust zu erfahren und einen Impuls zu erhalten und darüber hinaus zu Neuem und Anderem zu kommen. Worin es bestehen und von welcher Qualität es auch sein mag. Ganz so wie im Osten der Stadt, am Heizkraftwerk Römerbrücke, stellt Kunst auch an ihrem westlichen Rand eine Frage, die eine Stadt bewegt: Unter welchen Bedingungen leben wir? Skript abgerufen am 11.04.2011
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